Rezension: Die ungestörte Entwicklung Ihres Babys

Im Laufe der Elternschaft hören wahrscheinlich alle Eltern einmal einen Spruch wie „Alle Babys fangen irgendwann an zu laufen“. Aber was ist dran an solchen Aussagen? Heutzutage sind wir so daran gewöhnt unsere Kinder zu fördern, ihnen früh Englisch, Spanisch, Chinesisch beizubringen, Turnkurse zu besuchen, Zeichensprache zu üben, noch bevor sie die ersten Worte produzieren, dass wir schon fast vergessen haben, dass es ja auch einen ganz natürlichen Entwicklungsablauf gibt, geben muss. In Ihrem Buch „Die ungestörte Entwicklung Ihres Babys: Wie Sie die natürliche Bewegung unterstützen und Fehlhaltungen vermeiden“ widmet sich Barbara Zukunft-Huber, Tochter von Prof. Dr. Theodor Hellbrügge, der natürlichen Bewegungsentwicklung des Babys.

Das in der dritten Auflage 2010 erschienene Buch „Die ungestörte Entwicklung Ihres Babys“ widmet sich auf 206 Seiten den Bewegungsabläufen, die das Kind im ersten Lebensjahr erwirbt. Mit rund 180 Fotos wird dem Leser vermittelt, wie sich von Monat zu Monat die Bewegung des Kindes auf dem Bauch und dem Rücken erweitert, wie die Bewegungsentwicklung zur Seite erfolgt, Hände, Sinnesorgane und räumliche Wahrnehmung ausreifen und das Kind Kontakt zur Umwelt aufnimmt. Zudem wird dargelegt, wie wichtig die normale, ungestörte Bewegungsentwicklung des Kindes ist, um Fehlhaltungen und -entwicklungen zu vermeiden.

Wie schon aus Emmi Piklers Werken bekannt, verläuft die Entwicklung des Kindes unter bestimmten Gesetzmäßigkeiten fortschreitend. Dabei ist es nicht nur unnötig, dass in die Entwicklung eingegriffen wird, es kann sogar schädigend sein und das Kind in wesentlichen Entwicklungsschritten behindern. Diese Haltung findet sich auch in Zukunft-Hubers Werk wieder: Ganz entschieden spricht sich die Autorin und Physiotherapeutin dagegen aus, Kinder in ihrer Entwicklung durch zu frühes Hinsetzen, das Ablegen in einer Wippe, zu frühes Aufstellen etc. in ihrer Bewegungsentwicklung zu stören. Insbesondere das frühe passive Hinsetzen wird als Gefahr für die körperliche und seelische Gesundheit betrachtet und in seinen Folgen ausführlich dargelegt.

Im einführenden Kapitel werden daher die Grundgedanken der natürlichen Bewegungsentwicklung in allen relevanten Bereichen ausführlich dargestellt. Die nachfolgenden bebilderten Kapitel zeigen anschaulich die einzelnen zu erwerbenden Bewegungsabläufe. Entgegen den anfänglichen Bezügen zu Emmi Piklers Arbeit zeigt sich hier jedoch eine recht strikte Orientierung an Altersnormen. Auch das abschließende Kapitel zu den „Meilensteinen der normalen Bewegungsentwicklung und Alarmzeichen für Fehlhaltungen im ersten Lebensjahr“ zeigt eine deutlich klinisch-medizinische Note. Hier werden nochmals Meilensteine der Entwicklung und ihre möglichen Fehlentwicklungen anhand von Bildern und Möglichkeiten der Diagnostik aufgeführt. Neben dem frühen Hinsetzen und Babywippen geht Zukunft-Huber jedoch auch mit Tragetüchern streng ins Gericht: Sie beschreibt den Kinderwagen als unentbehrlich für den Transport des Kindes und warnt vor dem Gebrauch von Tragetüchern, um einer Überforderung der Wirbelsäule durch die senkrechte Haltung vorzubeugen. Frühestens ab 11 Monaten, wenn das Kind den freien Sitz selbständig einnimmt, hält Zukunft-Huber die Rückentrage für angebracht – sofern die Tragezeit nicht die Zeitspanne überschreitet, in welcher das Kind selbständig sitzen kann.

Gesamturteil: Mit an anderen Stellen nur selten zu findender Hingabe widmet sich Zukunft-Huber der Vermeidung des frühen passiven Hinsetzens und sonstiger Eingriffe in die normale Bewegungsentwicklung. Gerade der einführende Teil des Buches ist in diesen Zeiten, in denen Eltern oftmals zu viel von ihren Kindern verlangen, sehr wertvoll. Leider verliert sich dieser Ansatz im Verlauf des Buches und eine klinisch-medizinische Betrachtung tritt in den Vordergrund. Untermalt wird dieser Eindruck durch minimalistische Abbildungen der kindlichen Bewegungsmuster. Zu empfehlen ist dieses Buch daher eher für Kursleiterinnen und Fachpersonen, die mit kindlichen Bewegungsmustern regelmäßig umgehen. Der erste Buchteil kann als Diskussionsgrundlage im Elternkurs sehr gut heran gezogen werden.

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