Märchen sind schön, aber nicht so

Der Herbst ist da, der Winter kommt mit großen Schritten. Es wird kuschelig bei warmem Tee. Was verlockt da mehr, als das Vorlesen eines schönen Märchens? Märchen sind wunderbare Begleiter in der Kindheit. Sie können Lebenshilfe sein, Erklärungen bieten und werden sogar in therapeutischen Kontexten eingesetzt. Stephanie zu Guttenberg hat nun eine Sammlung an Märchen heraus gegeben, die eben dies sein sollen: Heilmittel für Kinderseelen. Wir haben uns angesehen, was in „Die Märchen-Apotheke: Grimms Märchen als Heilmittel für Kinderseelen“ steckt.

Märchen sind zweifellos ein wichtiges Kulturgut. Die Psychologie hat sich ausgiebig mit den Inhalten und Bedeutungen verschiedener Märchen beschäftigt. Bruno Bettelheim ist wohl einer der bekanntesten Psychologen, der sich auf diesem Gebiet hervorgetan hat. Wegen oft grausamer Inhalte sind Märchen in den vergangenen Jahren jedoch immer mehr verdrängt worden. Vereine wie der Märchenland e.V. setzen sich daher für den Erhalt der Märchen ein und stellen ihre positiven Aspekte in den Vordergrund. Stephanie zu Guttenberg hat sich als Herausgeberin der „Märchen-Apotheke“ nun auch diesem erhaltenden Ansatz gewidmet und beschreibt die Vorteile des Märchenerzählens eindrücklich im Vorwort zu ihrem neuen Buch. „Die Märchenapotheke“ ist dabei nicht als allgemeine Märchensammlung gedacht, sondern soll als Hausapotheke dienen, um „Probleme Ihrer Kinder zu erkennen und Lösungen zu finden„. Die Anwendungsinformationen für Eltern sind entsprechend diesem Ansatz konzipiert: Eltern können sich zunächst im Inhaltsverzeichnis informieren, welches Kapitel für Ihre Problemstellung das richtige ist. Im Anschluss daran können sie eine Interpretation der jeweiligen Problematik in der heutigen Zeit lesen, die zu jedem Märchen geschrieben wurde. Erst dann ist das jeweilige Märchen und im Anschluss ein passender „Beipackzettel“ zu lesen, der noch einmal verschiedene Lösungsansätze anbietet.

Bereits im Inhaltsverzeichnis stolpert der Leser eventuell über folgende Überschriften: „Unsere Töchter möchten genauso leben wie ihre deutschen Freundinnen, aber unsere Familientradition lässt das nicht zu“ (empfohlenes Märchen ist Rapunzel) oder „Unser Kind hat Essstörungen, weil es sich zu dick und hässlich findet“ (empfohlenes Märchen König Drosselbart). Die passenden „Beipackzettel“ zum jeweiligen Märchen sind von Silke Fischer geschriebene Kurzanweisungen an die Eltern, wie sie sich richtig verhalten bzw. mit dem Kind über das Problem sprechen können. Hier erfahren Eltern beispielsweise im Beipackzettel zu König Drosselbart, dass Kinder vermittelt werden soll, dass Liebesglück bedeutet, einen Menschen zu finden, mit dem man gemeinsame Interessen teilt anstatt sich mit Diäten und Hungerkuren für ihn zurecht zu machen. Dieses Beispiel beschreibt sehr gut, mit welcher Küchenpsychologie in der Märchenapotheke an ernsthafte Störungsbilder in Kindheit und Jugend heran gegangen wird. Die Hinweise und Anweisungen sind kurz, knapp und teilweise weit entfernt von modernen pädagogischen und psychologischen Ansätzen. Die von Karl Phillip veranschaulichten Konfliktsituationen milden ebenso klischeehaft den Inhalt ab, wie bereits aus den Überschriften zu erahnen ist.

Gesamturteil: Die Küchenpsychologie aus der Märchen-Apotheke ist weder für Eltern noch Kinder geeignet.

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