Rezension: Es geht auch ohne Windeln

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Berlin, vor der Bibliothek am Halleschen Tor: Ich sehe eine Mutter, die ihren Sohn aus dem Kinderwagen nimmt. Er trägt keine Windel. Sie hält ihn im Arm über die Wiese und macht dabei laut „sssss“ bis er anfängt zu pullern. Ich bin überrascht. Geht das wirklich? Später erfahre ich, dass Ole fünf Monate alt ist und die Mutter damit begonnen hat als er gerade vier Wochen alt war. Natürliche Säuglingspflege sei das, klärt sie mich auf. Ein Phänomen, mit dem ich mich intensiver beschäftigen wollte. Antworten und eine Anleitung für die praktische Anwendung fand ich in „Es geht auch ohne Windeln!“ von Ingrid Bauer.

Auf 240 Seiten führt Ingrid Bauer in die natürliche Säuglingspflege ein. Der Leser erfährt Vorteile der natürlichen Säuglingspflege gegenüber der in unserer Kultur vorwiegend verwendeten Methode des Wickelns, wird über Verdauungsvorgänge, Harndrang, Stuhlentleerung und die Geschichte der Sauberkeitserziehung aufgeklärt. Im zweiten Teil des Buches, dem Praxisteil, werden dann verschiedene Abhaltepositionen vorgestellt und insgesamt auf die praktische Umsetzung der natürlichen Säuglingspflege eingegangen – auch unter besonderen Situationen wie Krankheiten oder der Umsetzung von natürlicher Säuglingspflege bei adoptierten Kindern.

Als Gründe für eine Entscheidung für die natürliche Säuglingspflege werden sowohl die enge Verbundenheit zwischen Mutter und Kind, hervorgerufen durch das genaue Beobachten der kindlichen Signale, genannt, als auch bessere Hygiene, Umweltschutz durch weniger Abfallprodukte, Ersparnisse an Geld und das Vermeiden einer späteren Sauberkeitserziehung. Der erstgenannte Aspekt wird jedoch von Ingrid Bauer besonders betont und im Verlaufe des Buches immer wieder angeführt. Durch das genaue Beobachten des Kindes soll es der Mutter möglich werden, den kindlichen Rhythmus zu ergründen und Anzeichen zu finden, durch welche das Kind sein Bedürfnis ausdrückt (wie beispielsweise Brummen, intensives Gucken, Stirnrunzeln). Die Ausscheidungen werden dann von der Mutter mit einem Schlüssellaut begleitet, so dass das Kind später allein durch den Schlüssellaut hervorgerufen ausscheiden kann. Auf diese Weise sei es möglich, praktisch schon nach der Geburt einen sehr engen Kontakt zum Kind aufzubauen und das Kind bereits im ersten Lebensjahr windellos aufzuziehen.

Das Hauptargument von Frau Bauers Methode beruht darauf, dass die natürliche Säuglingspflege in vielen anderen Kulturen, wie beispielsweise in Indien, seit Jahrhunderten hauptsächlich praktiziert wird und daher als die natürliche Variante der Säuglingspflege betrachtet werden kann. Und es ist tatsächlich so, dass diese Methode umgestezt werden kann und Kinder in einem sehr frühen Alter lernen können, ihre Bedürfnisse anzuzeigen bzw. durch einen Schlüssellaut zur rechten Zeit die Ausscheidung vollziehen können. Es ist jedoch auch anzumerken, dass auch die Rahmenbedingungen in anderen Kulturen andere sind. Dies beginnt beim Klima, geht über die sozialen und familialen Strukturen bis hin zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Es ist beispielsweise schwer vorstellbar, dass eine Erzieherin in der Krippe dem Wunsch der Eltern nach natürlicher Säuglingspflege nachgehen kann. Zudem ist auch anzumerken, dass zwar ein inniges Verhältnis zwischen Mutter und Kind entstehen kann durch die Beobachtung der Ausscheidungsrhythmen, doch ist dieses in Anbetracht von bis zu 30 Ausscheidungen täglich auch anfangs eine harte Arbeit. Wird dann Druck auf das Kind ausgeübt oder die Mutter fühlt sich in Anbetracht von Misserfolgen, die anfangs auf jeden Fall auftreten, unglücklich, ist der Sinn der Methode verfehlt. Gerade bei zu starkem Druck oder einem Fokus auf die Verwendung der Schlüssellaute, erinnert die Methode dann eher an klassische Konditionierung und die Versuche Pavlovs mit dem Speichelfluss von Hunden. Eine sanfte, sehr intuitive Vorgehensweise und sehr besondere Rahmenbedingungen sind daher notwenig, um diese Methode erfolgreich durchführen zu können.

„Es geht auch ohne Windeln!“ ist insgesamt ein interessantes Buch über eine alternative Methode der Säuglingspflege. Es ist verständlich geschrieben, ist im einführenden Teil etwas langatmig durch die permanente Wiederholung der Vorteile der natürlichen Säuglingspflege und wirkt an einigen Stellen recht dogmatisch. Ingrid Bauer hebt besonders hervor, dass Mütter, die die natürliche Säuglingspflege betreiben würden, wesentlich stärker mit dem Kind verbunden seien, was schlichtweg eine sehr unangemessene und nicht unbedingt richtige Aussage ist. Mütter, die bislang nichts von dieser Praktik gehört haben, können durch Bauers fatalistische Hatung daher zu Unrecht verunsichert werden.

Gesamturteil: Geeignet für Mütter, die eine alternative Säuglingspflege wünschen udn sich ganz darauf einlassen können. Allen anderen sei gesagt: „Es geht auch MIT Windeln!“ (und man ist trotzdem keine schlechte Mutter).

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